Was ist denn hier los? –La Réunion

Grün, grüner – La Réunion

Man merkte, dass die Menschen auf Mauritius (Mauritius, ein Inselparadies anders als erwartet) nicht allzu gut auf ihre Nachbarn von La Réunion zu sprechen waren. „Wunderschöne Natur, aber die bekommen alles von Frankreich …“ oder „Schön grün, aber zu französisch …“. Ich könnte so weitermachen, aber es fing immer mit „schön grün“ an und dann kam das „aber“.

Und wir? Wir konnten uns kaum vorstellen, dass man, wenn man auf einer so grünen Insel wie Mauritius lebt, sagt, woanders sei es grüner. Wir waren also sehr gespannt.

Nur einen Wimpernschlag entfernt

Der Flug dauert gerade mal so lange, dass es für ein schnelles Wasser auf die Hand reichte, und schon gehen die Anschnallzeichen für die Landung wieder an. Würde es vor der Küste von La Réunion nicht so von Haien wimmeln, hätten wir auch rüberschwimmen können.

Apropos schwimmen: Ganz La Réunion ist von Haien umziegelt … ganz La Réunion? Nein! An ein paar Stränden hat man Anti-Hai-Netze installiert, sodass man gefahrlos dort ins Wasser kann.

Willkommen in Frankreich

Im Reiseführer hat San schnell entdeckt, dass dort häufiger steht „einer der schönsten Märkte Frankreichs“ oder „der zweithöchste Berg Frankreichs“, und sie fragte: Gehört das wirklich zu Frankreich? Ich so: Die haben eine eigene Flagge usw., die sind eigenständig, aber gehören oder gehörten irgendwie dazu.

So waren wir schon kurz vor der Abreise etwas enttäuscht, denn: La Réunion ist genauso französisch, wie die Normandie und Baguette und somit gibt keinen weiteren Eintrag in unserer Länderliste.

Das hieß dann auch, dass wir ganz gemütlich mit unserem Personalausweis statt Reisepass eingereist sind und unser Handy-Guthaben aus Deutschland einfach nutzen, und alles in Euro zahlen konnten. Das war irgendwie schon sehr komisch, so 10 Flugstunden von Europa entfernt.

Das Wichtigste zum Schluss: Wie auch in unserem Nachbarland möchten die meisten nicht Englisch sprechen. San’s Traum wurde also wahr, sie konnte ihr Schulfranzösisch auffrischen, und für mich war Schweigen angesagt. Im Restaurant konnten wir mit Datenvolumen und Übersetzungs-App überleben. Was hat man nur früher ohne gemacht?

Was kostet das?

Wer mir erzählt, die Côte d’Azur ist teuer, den würde ich gerne mal nach Réunion schicken. Pizza an der Ecke mal eben für 21 Euro. Schlechter Kaffee mal schnell 5 Euro, und mehr.

Dabei haben wir auch schon die erste interessante Feststellung gemacht: Hier gibt es zwei Steuersätze für Waren und Dienstleistungen: 2,1 % und 8,5 %, während es in Frankreich 10 % bzw. 20 % sind.

Die Restaurants, in denen wir sind oder an denen wir vorbeikommen, sind meistens irgendwas zwischen stark besucht und randvoll.

Generell bekommt man schnell den angenehmen Flair, besonders an den Küsten, zu spüren und denkt sich: Hier lässt es sich leben. Sehr gute Straßen und Autobahnen, nagelneue Busse mit einem sich über die Insel erstreckenden Netz. Das Einzige, das irritiert, sind die vielen Europaflaggen, die meist in Form von Schildern angebracht sind: öffentliche Gebäude, hochmodern aussehende Schulen, Autobahn-Baustellen, Brücken, Hotels und selbst auf der Webseite unserer CrossFit-Box, überall diese Schilder.

Wohlstand aus Zugehörigkeit, nicht aus eigener Kraft

Der Lebensstandard auf La Réunion wirkt auf den ersten Blick hoch, fast europäisch-”normal”, und genau das ist er auch. Renten, Sozialleistungen, Krankenversicherung, Infrastruktur: Vieles funktioniert hier, weil Frankreich und die EU es möglich machen. Es fließen EU-Fördergelder in Milliardenhöhe, um dieses französische Übersee-Département im Indischen Ozean aufrechtzuerhalten. Die eigene Wirtschaft spielt dabei eine deutlich kleinere Rolle. Ohne die engen Verbindungen nach Europa wäre dieses Niveau kaum zu halten. Gleichzeitig sorgt genau diese Abhängigkeit der Insel für Stabilität, Sicherheit und einen Alltag, der sich spürbar von den unabhängigen Nachbarinseln unterscheidet.

La Réunion ist damit kein klassisches Inselparadies und auch kein armes Entwicklungsland. Es ist etwas Drittes: eine europäische Realität in tropischer Umgebung, faszinierend, widersprüchlich und genau deshalb so spannend zu erleben.

Da wundert es nicht, dass es bei knapp 19 % Arbeitslosenquote (Stand 2024) keine Anzeichen einer Unabhängigkeitsbewegung wie z. B. in Neukaledonien gibt.

Warum Frankreich diese Insel bis heute hält

Für Frankreich ist La Réunion weniger ein Geschäft, als eine Position. Die Insel liegt strategisch in einer der wichtigsten Regionen der Welt, dort, wo Handelsrouten zwischen Afrika, Asien und Europa verlaufen. Militärisch, politisch und maritim gesehen, sichert sich Frankreich damit dauerhafte Präsenz im Indischen Ozean und ist die einzige europäische Macht, die hier nicht nur mitredet, sondern physisch vor Ort ist. Wirtschaftlich lohnt sich das für Frankreich kaum. Aber Einfluss, Reichweite und globale Bedeutung lassen sich eben nicht nur in Zahlen messen.

Es geht steil Bergauf

Jetzt aber mal zum eigentlichen Grund, warum wir hier sind: die grüne Insel. Und ja, sie ist wirklich grün. Und bergig.

Gefühlt hat man am Strand schon ein leichtes Gefälle, das den Anfang vom Gebirge markiert. Alles dazwischen unterscheidet sich nur zwischen Hang und Steilhang.

Wir sind insgesamt sieben Tage hier, davon die ersten vier Tage im Süden in Saint-Pierre in einem Bali-Haus mit eigenem Jacuzzi und die letzten drei in einer “Studentenbude” für knapp 100  Euro die Nacht in Saint-Paul.

Roadtrip durch den Süden

Mit unserem Mietwagen machen wir eine Südinsel-Rundtour, die ich mit ChatGPT zusammengestellt habe, als Inspiration dienten mir die Ankerpunkte einer Tour auf GetYourGuide. Das war perfekt.

Hier die Liste:

  • L’Église Sainte-Anne

    Eine der fotogensten Kirchen Réunions direkt an der Ostküste. Üppige Farben, Palmen und das Meer im Hintergrund wirken fast surreal. Ein ruhiger, atmosphärischer Start in den Tag, bevor es weiter Richtung Vulkanlandschaft geht.

  • Suspension Bridge of East River

    Schmale Hängebrücke über den Rivière de l’Est, umgeben von dichter tropischer Vegetation. Einst ein technisches Wunderwerk aus dem Jahr 1894, wurde kürzlich renoviert und als Denkmal für Fußgänger wiedereröffnet. Einst die längste Hängebrücke der Welt, verband sie Plantagen miteinander.

  • Anse des Cascades

    Wasserfälle, die direkt ins Meer fließen, Palmen auf Lavafelsen und eine fast unwirkliche Ruhe. Einer dieser Orte, die sich nicht geplant anfühlen, sondern gefunden.

  • Notre Dame des Laves

    Die berühmte Kirche, die von Lavaströmen umflossen, aber nie zerstört wurde. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie eng Naturgewalt und Alltag auf Réunion zusammengehören.

  • Cap Méchant

    Schwarze Lavafelsen, tosende Brandung und meist kräftiger Wind. Einer der Orte, an denen Réunion besonders roh und dramatisch wirkt.

  • Cascade Grand-Galet

    Breiter Wasserfall mit natürlichen Becken, ideal für eine längere Pause. Je nach Wasserstand einer der schönsten Wasserfälle im Süden der Insel.

  • Bassin de Manapany
    Natürliches Meerwasserbecken im Lavagestein, meist gut geschützt vor der Brandung. Ideal für eine kurze Abkühlung zwischendurch.

Wir starten um 8  Uhr bei angenehmen 30 °C, freuen uns kurz über 16 °C auf dem Pass, bevor es auf der anderen Seite wieder die Küste runter-, und auf super heiße 36 °C hinaufgeht.

Die Tour war sehr abwechslungsreich und besonders die von Lava umgebende Kirche war sehr beeindruckend. Es ging weiter zu spektakulären Wasserfällen und durch ein Lavafeld. Nach einem sehr leckeren Mittagessen im Familienrestaurant “Les Vacoas Tradition Créole” geht es zum natürlichen Pool nach Manapany, wo ich mit einem Sprung ins kühle Nass für kurze Zeit die Hitze hinter mir lassen konnte. Genau das Richtige, um den Tag abzuschließen.

Chillen und CrossFit

Am nächsten Tag war Chillen am Strand und CrossFit in Staint-Pierre angesagt, bevor es dann am Tag darauf in den Westen weiterging.

Ich würde gerne etwas über die Menschen hier schreiben, ähnlich herzlich wie über unsere Begegnungen auf Mauritius. Aber es kam aufgrund der sprachlichen Barriere kaum zu einem Austausch. Umso schöner, dass wir am Flughafen schon die sehr sympathischen Schwestern Kerstin und Eva kennengelernt haben, die auch im Westen der Insel wohnten. Wir wollten uns dort wieder treffen. Gesagt, getan.

Sobald sie von ihren Hikes zurückkamen und. wir unsere Touren beendet hatten, trafen wir uns zweimal für einige Stunden.

Gerne hätten wir mit ihnen auch mal einen der wohl sehr schönen Hikes gemacht. Allerdings haben wir uns beide vor drei Wochen an der Wade verletzt. Das Risiko war uns zu groß, vor allem, da ich (Marco) in zwei Wochen meinen ersten CrossFit-Wettkampf habe und ohnehin hoffen muss, dass bis dahin alles wieder fit ist. Hier konnten wir im CrossFit Primal nochmal ein Training machen, bevor es am nächsten Tag zum Flughafen ging.

Fazit: Kontrastprogramm und tolle Ergänzung zu Mauritius

La Réunion ist aus unserer Sicht eine tolle Ergänzung zu einem Mauritius-Urlaub und ein Traum für alle, die gerne wandern. Es lässt sich wohl auch gut surfen. Allerdings kann keiner der Strände nur annähernd mit Mauritius mithalten.

Es herrscht ein superangenehmer Vibe, und wir haben uns bei der Frage ertappt, ob man hier nicht mal eine Zeit lang leben möchte.

Meine Antwort war schnell klar: Nein, Französisch lernen steht nicht auf meiner Agenda.

Dann wären da allerdings noch die hohen Kosten: San trackt unsere Ausgaben pro Land seit Jahren – und obwohl wir hier im Vergleich zu Mauritius (wo wir Katamaran-Tour, Canyoning usw. gemacht haben) keine Touren gebucht haben, liegen wir bei einem deutlich höheren Tagesschnitt. Fast genauso hoch, wie in unserem geliebten Australien.

Die Reise nach La Réunion war allerdings auch sehr interessant, um zu sehen und zu verstehen, wie wichtig diese kleine Insel für Europa und Frankreich ist, und wieviel Geld man bereit ist, hier zu investieren, um das aufrechtzuerhalten. Mit dem Wissen, dass man außer dem geopolitischen Standort nicht allzu viel „zurückbekommt“.

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Mauritius, ein Inselparadies anders als erwartet