Der Panda ist los – Chengdu
02.-07.04.2026
Ein weiterer Reisetag stand bevor und mit schweren Beinen von den Tianmen und den Avatar Mountains schleppten wir uns zum Bahnhof. Jetzt wussten wir ja, wie das mit dem Zugfahren geht. Daher haben wir uns das Ticket im Vorfeld abzuholen gespart, und darauf verlassen, dass wir die Reise nur mit unserem Reisepass als Ticket antreten können – und so war es auch.
Pünktlich wie die Maurer
Die Zugfahrt dauert 5 Stunden und der Zug fährt einmal mehr auf die Sekunde pünktlich. Ich frage mich, was Chinesen denken, wenn sie in Deutschland zu Besuch sind. Letztes Jahr war ich froh, wenn der gebuchte Zug überhaupt gefahren ist, von Pünktlichkeit habe ich mich schon seit langem verabschiedet und freue mich wenn mittlerweile einfach nur, wenn ich vor Ende des Tages irgendwann da ankomme, wo ich hinwollte – auf welchem Weg bzw. Gleisen auch immer.
Panda-Hauptstadt mit Format
Chengdu ist mit rund 22 Millionen Einwohner die viertgrößte Stadt Chinas. Sie ist auch bekannt auch als die Panda-Hauptstadt und ist unsere letzte Station auf der Reise.
Da ein chinesischer Feiertag ansteht und er auf Sonntag fällt, wird er am Montag nachgeholt, was bedeutet, dass es ein langes Wochenende ist. Perfekt zum Verreisen.
Als wir das vor ein paar Tagen erfahren haben, gingen alle Alarmglocken an. Denn jeder Reiseführer und unser China-GPT haben mehrfach davor gewarnt, keine Reisetage an Urlaubstagen zu haben und von einem Besuch von Sehenswürdigkeiten währenddessen absolut abzusehen, da es dann sehr, sehr, sehr voll wird.
Um das zu umgehen, schmeißen wir kurzerhand unsere Pläne um, und buchen uns eine Tour zur Giant Panda Base und dem Leshan Buddha schon am nächsten Tag. Unsere Akkus sind vom Wandern noch nicht wieder aufgeladen und hätten lieber erstmal 1-2 Tag genutzt, den Vibe der Stadt, wo von auch sehr viele schwärmen, aufzusaugen und uns dann beides ganz entspannt in Ruhe anzuschauen.
Dass der Wecker mal wieder sehr früh klingelt, daran haben wir uns schon gewöhnt, es soll aber auch das letzte mal in dem Urlaub sein, dann steht man doppelt so gerne auf.
Süß, tollpatschig, einmal ein Panada sein
Mit dem Bus und einer Kleingruppe von 26 Leuten inkl. Reiseführung mit Antenne und Wimpel dran, fahren wir die rund 30 Minuten vom Stadtzentrum zur Giant Panda Base. Man muss wissen, alle Pandas weltweit gehören China und werden nur an andere Länder verliehen, wie z.B. an den Zoo in Berlin. Kostenpunkt 1 Millon USD pro Panda / Jahr (!!!) und Pandas dürfen nur als Paare geliehen werden, daher sind es dann mal eben 2 Millionen. Man gönnt sich ja sonst nichts. Neben Transport, Versicherung und Gehegebau, kommen noch die laufenden Kosten für ca. 20–40 kg frischen und vor allem importierten Bambus pro Tag pro Panda nochmal hinzu. Wir erfahren, dass selbst der Zoo in Malaysia, Bambus aus China importieren muss, da deren Pandas nicht den eigenen, sondern nur den Sichuan Bambus fressen. Wir geben den Plan auf, einen der süßen und flauschigen Bärchen mit nach Hause zu nehmen.
In den 70ern brach die Panda-Population massiv ein. Grund war unter anderem das Absterben und Abholzen von Bambus. Da Pandas sehr wählerisch in der Nahrungszufuhr sind und generell als wenig anpassungsfähig gelten, entschloss man sich 6 Pandas in eine sogenannte Panda Base zu bringen, um da ihren Fortbestand zu sichern. In einer solchen sind wir heute zu Besuch. Mittlerweile leben hier etwas mehr als 200 Pandas und auch die Population in Freiheit ist auf über 2.000 gestiegen.
Eigentlich sind eingesperrte Tiere so gar nicht unser Fall. Aber bei 99% chinesischen Besuchern, die so oder so in die Base gehen, werden wir da leider keine Veränderung bewirken. Also haben uns für den Besuch entschieden und beruhigen unser Gewissen damit, dass so der Panda-Bestand bewahrt wird.
Wir haben Glück, denn als wir ankommen sind die Pandas noch aktiv, was sich bei ein paar Grad höherer Tagestemperatur oder einfach zu einem späteren Zeitpunkt schnell ändern kann. Dann sieht man nur noch das knuffige Fellknäuel schlafend, oder sehr oft auch gar nicht. Wir dagegen bekommen das volle Spektakel und sind sofort verzückt.
Sie sind soooo süß, etwas tollpatschig und man möchte sofort einen mitnehmen, oder zu mindest mit einem kuscheln. Warum die Pandas sich überhaupt zeigen, ist uns allerdings ein Rätsel, denn es ist ganz schön voll und das Schild mit “Quiet” (Ruhe) bringt nicht wirklich was. Die Security, die alle paar Meter steht, hat alle Hände voll zu tun, dass. es keinen Stau gibt und die Menge in Bewegung bleibt. Kaum vorzustellen, was hier in den kommenden Tagen erst abgeht. Wenn ich Panda wäre, würde ich in meiner Hütte bleiben oder mich hinter einem Busch einfach tot oder schlafend stellen und warten, bis es vorbei ist.
Nach rund 2,5 Stunden auf der Base gehts mit dem Bus knapp 2,5 Stunden weiter zum Leshan Buddha.
Der größter Buddha (für uns)
Leshan, eine dieser “Kleinstädte” in China, die gerade mal 3,5 Millionen Einwohnern haben, ist so klein, dass man sie auf der Landkarte kaum findet. Berlin mit seinen 3,5 Millionen Einwohner finden dagegen die meisten. Diese extremen Dimension, begegnen einem immer wieder in China. China hat 1,5 Milliarden Einwohner, die ganze EU zusammen gerade mal 450 Millionen, bei doppelt soviel Fläche (EU: ca. 4,2 Mio. km², China ca. 9,6 Mio. km², wobei große Teile Wüste und Gebirge sind und daher gar nicht, oder nur ganz wenig besiedelt sind).
Wir fahren von der Autobahn ab, auf eine dieser nagelneu angelegten Bundesstraßen, die uns zum Ziel, den Leshan Buddha, bringen soll. Je drei Spuren, schön angelegter Grünsteifen links und rechts neben der Fahrbahn und ein Radweg nach außen hin runden das Gesamtbild ab. Hier hat jemand groß gedacht und gehandelt. Am Ziel angekommen, geht es genauso weiter: ein gigantisch großer Parkplatz, der heute recht leer wirkt, mit anschließendem Transport-System. Man kann zwischen Eingangsgate und “hier gehts wirklich los” laufen, oder eins der großen Golfcarts nehmen. Unsere Gruppenreise bekommt natürlich einen eigenen Cart.
Der Leshan Giant Buddha wurde mit in einer Bauzeit von 90 Jahren (713–803 n. Chr.) über 3 Generationen hinweg erschaffen. Mit ihren 71 Meter ist sie die größte in Stein gehauene Buddha-Statue der Welt. Mit einem sehr ausgeklügelten Entwässerungssystem, das gegen Regen und Erosion schützen soll, ohne welches sie heute gar nicht mehr existent sein würde. Ingenieure versuchen immer noch zu verstehen, wie man vor 1.200 Jahren auf eine so ausgeklügelte Idee gekommen ist und es außerdem so umsetzten konnte, dass es heute immer noch funktioniert.
Der Mönch Hai Tong hat damals das Projekt initiiert. Starke Strömungen der drei dort mündenden Flüsse, die zu vielen Schiffsunglücken geführt haben, sollten durch die Ehrerbietung beruhigt werden. Fun-fact: durch die Bauarbeiten wurde Gestein entfernt und dadurch unbewusst die Flussströmung verändert, so dass Schiffe gefahrenlos passieren konnten. Oder einfach weil der große Buddha da jetzt ein wachsames Auge drauf hat. Wer weiß.
Als wir ankommen, sehen wir erst mal fast nichts, nur die Ushnisha, die “Kopfbedeckung” die für Buddhas so typisch sind und als Symbol für Weisheit und Erleuchtung steht. Denn wir kommen auf der oberen Plattform an und können so nur die Haarspitze des Buddhas sehen, weil der Rest des Gesichts durch die Menschen davor verdeckt ist. Erst direkt am Geländer kann man ihn ganz sehen.
Wir bekommen eine Stunde zur freien Verfügung, und man könnte die Zeit nutzen, um die Treppen nach unten, zu den Füßen des Buddhas zu gelangen. Ein erster Blick auf die Menschenmassen der Schlange und das Gedränge lässt uns die Lust daran vergehen und wir bleiben lieber oben. Ein paar aus der Gruppe lassen sich das nicht nehmen. Sie kommen nach fast 2 Stunden, statt wie besprochen einer Stunde, zum Treffpunkt. Immerhin durften sie sich für knapp 30 Sekunden den Buddha von unten ansehen, bevor sie einfach weiter geschoben wurden. Alle sagen, das war es nicht wert und wir sind froh, die scheinbar richtige Entscheidung getroffen zu haben.
Mit deutlicher Verspätung, u.a. auch weil es eine aus der Gruppe gar nicht zum Treffpunkt geschafft hat, da sie die falsche Abbiegung genommen hat, geht es die 2 Stunden zurück nach Chengdu. Wo wir gegen 22 Uhr ankommen und ohne Abendessen oder über Los zu gehen, direkt ins Bett fallen.
The next Generation
Neben endlich mal ausschlafen, ist gemütliches frühstücken angesagt. Auch für den Rest des Tages wollen wir es ein bisschen gechillter angehen lassen und endlich mal den Chengdu-Vibe erleben.
Beim Frühstück läuft immer schon das Morgenfernsehen, und obwohl wir es ja normalerweise nicht mögen, sowohl Nachrichten zu schauen als auch morgens schon Fernsehen zu schauen, ist es dann wieder wie ein Unfall: Man kann nicht wegschauen. Tatsächlich war ich natürlich auch sehr interessiert, was dort alles gezeigt wird, und so kommt es mehr als einmal vor, dass ich völlig fasziniert auf den Monitor schaue.
Da unter anderem die neuesten Entwicklungen gezeigt werden. So können wir z.B. Ernte-Roboter bestaunen, die Äpfel pflücken und auch vollautomatisch das Düngen von Pflanzen übernehmen. Sehr faszinierend ist auch, das Gemüse nicht mehr nur auf einem Feld angebaut wird, sondern in mehrstöckigen Feldern, ähnlich wie ein Parkhaus nur mit viel weniger Abstand zwischen dem Ebenen. So dass wahrscheinlich auch in Zukunft die viel zu vielen Menschen auf den Planeten noch was zu essen haben werden. Sehr spannend.
Während ich San immer in ausländischen Supermärkten abgeben und Stunden später völlig fasziniert und euphorisch abholen kann, könnte ich mir solche Zusammenschnitte den ganzen Tag anschauen. Nur einen Untertitel hätte ich mir hier gewünscht.
Für die Menschen gemacht
Direkt auf der anderen Straßenseite von unserem Hotel liegt der People’s Park, der unser erster Stopp nach dem Frühstück sein soll. Den Park würde ich als einen Full-Life-Circle-Park beschreiben. Angefangen von den Gängen, wo links und rechts DIN A4 große Annoncen heiratswilliger Männer und Frauen hängen, die so passende Partner suchen. Unsere Übersetzungs-App verrät uns, das neben Alter, Größe und Gewicht, auch Berufstand und jährliches Einkommen, scheinbar ein wichtiger Faktor ist. Häufig stehen auch die Telefonnummern der Eltern dahinter, wo man sein ernst gemeintes Interesse hinterlegen kann.
Als Nächstes kann man sich dann in einem der Teehäuser des Parks kennenlernen. Hier ist es ganz spannend die Aufgieß-Performance zu sehen, denn es gibt einen sogenannten kurzen und langen Aufguss. Das wird dann sehr fancy mit einer Art Show gemacht, in dem der Wasserkessel in der Hand hin und her geschleudert wird und seine Runden dreht, ähnlich wie bei einem Barkeeper, bevor das Wasser in die Teetasse gelangt.
Schon am Anfang der Reise ist mir aufgefallen, dass wir primär mit Menschen unter 25 Jahren (schätzungsweise) zu tun haben oder deutlich über 55. Wir haben uns dann die Frage gestellt, wo denn alle anderen sind. Das zieht sich tatsächlich hier auch im People’s Park durch. Man sieht sehr viele ältere Paare, 55 plus, die Kinderwagen schieben und sich wie selbstverständlich um die Enkelkinder kümmern, während 25- bis 55-Jährige weiterhin durch Abwesenheit glänzen.
Eine sehr interessante Diskussionsrunde mit unserem “China-GPT-Team” zeigt uns dann, dass es tatsächlich immer noch, trotz der Entwicklungen über die Jahre, in China weit verbreitet ist, dass die Großeltern die Kindererziehung übernehmen. Sprich, es gibt wohl sogenannte zwei Systeme:
Das eine System ist tatsächlich so, dass die Eltern die Kinder bei ihren Großeltern "abgeben" in eine andere Stadt zum Arbeiten gehen, um das bestmögliche Einkommen zu haben und ihre Kinder nur zwei drei Mal im Jahr sehen. Häufig an solchen Feiertagen wie sie jetzt sind.
Das zweite Modell ist, dass Großeltern quasi die Tagesbetreuung komplett übernehmen und Eltern ihre Kinder dann nur Abends, nach der Arbeit (was ja hier in China manchmal sehr spät sein kann), sehen und dann das Wochenende miteinander verbringen können.
Damit das ganze System funktioniert, arbeiten Chinesen häufig nur bis 50-55 um sich dann um die Enkelkinder zu kümmern. Da sie das als selbstverständlich und den Kreislauf ansehen.
Generell ist es allerdings auch hier mehr als ein nur ein Trend, dass die Geburtenrate zurückgeht. Viele Paare entscheiden sich bewusst gegen Kinder und durchbrechen damit diesen Life-Circle und auch einige der Großeltern freuen sich wohl sehr darüber, dass sie ihr Rente frei gestalten können. Auch hier scheint gesellschaftlich viel im Umbruch.
Ich glaub, ich brauch ein Menschen-Detoxing
Ab Mittag wird es dann so voll, dass man überall eine Lautstärke hat, wie auf einem großen Festival. Der Versuch uns im ersten Café etwas zu trinken zu holen, ist daran gescheitert, das selbst ein Kaffee To Go 1 Stunde Wartezeit hat! Nope, für keinen Kaffee der Welt. Am Abend zuvor hatten wir bei den ersten drei Restaurants, die wir angesteuert haben, auch Wartezeiten von mindestens 1-3 (!) Stunden.
Wir wollen uns noch einen Tempel anschauen, werden aber auch da einfach nur noch von der menschlichen Masse mitgezogen. Man hat gar keine Möglichkeit, irgendwo mal stehen zu bleiben und was anzuschauen. Deswegen brechen wir das relativ schnell ab und verschwinden in einem schönen angrenzenden Café. Dieser Zustand wird sich leider auch in den nächsten Tagen bis zur Abreise nicht mehr verbessern.
Man muss sich vorstellen, wie direkt Jemand neben deinem Ohr einer anderen Person etwas über 5 Meter zubrüllt, um die vorherrschende Lautstärke zu übertreffen. Da klingeln einem wirklich mehrfach am Tag die Ohren. Als San dann ein paar Mal auch laut wird, bzw. böse Blicke verteilt, wird dies nicht mal wahrgenommen.
Ich schätze, wenn man hier aufwächst, fühlt sich das anders an. Für mich ist das allerdings auf die Dauer zu viel. Daher freue ich mich sehr, dass San mal wieder eine tolle Unterkunft herausgesucht hat. Denn die Lage des Atour Hotel’s war perfekt. Neben dem, dass der People´s Park keine 5 Minuten entfernt war, hat sich eine hippe Nachbarschaft mit vielen kleinen Geschäften, Cafés und einer Thai-Massage (die wir natürlich nicht auslassen) in den Straßen um das Hotel angesiedelt. Hier verbringen wir unseren letzten Tag, bevor es über Bangkok zurück nach Deutschland geht.