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Wer nichts hat, kann alles geben.

06.04.2012 ::

Nachdem ich bei der ersten Asienreise noch nicht richtig fassen bzw. beschreiben konnte, was mich hier so fesselt und wohlfühlen lässt, so kann ich es mittlerweile, nach einigen Reisen und mehreren Ländern besser begründen.

Während man in Deutschland und generell in den westlichen Ländern mehr und mehr nach Statussymbolen, Anerkennung und nennen wir es mal materiellem Glück strebt und alles und jenen vielleicht dafür verantwortlich macht, wenn es nicht klappt, nur nicht sich selbst, so spielt das hier alles keine Rolle.
Die Kinder spielen gemeinsam auf der Strasse. Gross mit klein, Junge mit Mädchen, nackig mit angezogen. Jeder passt auf jeden auf. Hier darf jeder mitmachen und wird nicht kollektiv ausgeschlossen, nur weil er nicht die neueste Play-Station hat. Hier wird ein ausgelutschter Fahrradreifen mit einem Stock über den Strand oder die Strasse gerollt und diesem hinterhergejagt, während es bei uns zu jedem Geburtstag oder Weihnachten immer mehr werden muss. Hier wohnt man auf engsten Raum mit seiner Familie zusammen, braucht keine Statussymbole und ist trotzdem glücklich. Hier zählen noch andere Werte und Normen. Solche, die in der westlichen Welt durch zunehmenden Materialismus und Ich-Bezogenheit mehr und mehr verloren zu gehen scheinen. Hier wird alles was man hat brüderlich geteilt und Familie ist das Wichtigste. Jeder ist zwar eine eigenständige Persönlichkeit, nimmt aber eher seine spezielle Rolle in der Familie ein. In Deutschland zählt am Ende meist nur, dass man seine eigenen Ziele und Wünsche erreicht. Auch ich kann mich sicher in diese Reihen einreihen…

Während man sich hier einfach mit dem zufrieden gibt was man hat und demzufolge einfach glücklich ist, zermartert man sich in Deutschland aufgrund der vielen möglichen Entscheidungen und Wege meist zu sehr das Hirn: Wo will ich hin? Welchen Beruf will ich ausüben? Vielleicht doch die Firma wechseln? Ist es der richtige Partner für mich? Will ich einmal heiraten? Welche Ansprüche stelle ich an ihn oder sie? Wann ist der richtige Zeitpunkt für ein Kind? Diese und noch viel mehr Fragen schwirren doch in unser aller Köpfe ständig rum und machen uns zu rastlosen Tieren, ständig auf der Suche nach dem nächsten Wasserloch, welches den Durst löscht und Erfüllung gibt. Doch das meist nur für den Moment, denn der nächste Durst kommt bestimmt.

Dass Geld allein nicht glücklich macht, sondern sicher nur als Helfer für das Leben gesehen werden kann, konnte ich bereits feststellen, als ich in einer grossen französischen Bank gearbeitet habe. Aber in Südostasien merkt man es an jeder Stelle. Hier haben die Leute für westliche Verhältnisse „nichts“ und sind doch viel glücklicher. Man lebt im Jetzt und geniesst den Moment und macht sich keine Gedanken und vor allem keine Sorgen über morgen.
Das sollten wir uns viel mehr in Erinnerung rufen, jagen wir doch häufig den glücklichen Momenten nach, werten und versuchen die schönen immer weiter zu toppen, um dann hinterher zu merken, dass man diese gar nicht richtig genossen hat, sondern scheinbar erst hinterher richtig zu schätzen weiss.

Diese ständige Hetze und Jagd nach mehr, macht uns und somit auch mich, innerlich unruhig und unausgeglichen. Es verknotet das Herz und erdrückt es wie ein schwerer Stein, der darauf liegt. Diesen Klumpen kann ich bisher immer nur in Asien von mir werfen und eine Art “ innere Freiheit“ erlangen. So gibt es doch nichts Schöneres, als diesen Ballast von Bord zu werfen und zumindest für einige Momente einmal nichts zu denken und nur eines spüren: absolute Leere. Es fühlt sich an, als ob die Seele fliegt.
Dieses Gefühl ist einfach unbeschreiblich und man muss aufpassen, dass man auch diesem nicht anfängt nachzujagen und sich dadurch nicht lösen kann.

Es erdet mich einfach auch jedes Mal wieder, wenn ich sehe, mit wie wenig Sachen und Dingen ich auskommen kann. Es muss nicht der Ohrring zum T-Shirt passen und das wiederum auf Tasche und Uhr abgestimmt sein. Hier hat Kleidung meist noch seine ursprüngliche Funktion: nämlich den Körper zu bedecken, zu schützen und eventuell auch zu wärmen. Somit wäre man geschminkt und aufgetakelt in solchen asiatischen Ländern einfach „überstyled“.

Zurück in Deutschland wurde mir nun klar, was mich so – neben all den asiatischen „Umständen“ – befreit und leicht gemacht hat. Es ist die Zeit – oder auch wieder nicht. In Deutschland spielt „Zeit“ eine große Rolle. Ständig wird auf die Uhr geschaut, von einem Termin zum nächsten gerannt und so verfliegt ein Tag wie der andere. Am Ende relativ bedeutungslos, weil man meist nur gearbeitet hat, aber nicht richtig glücklich war bzw. diese Momente nicht gelebt hat.
Wenn man lange Zeit im Urlaub ist, so spielt Zeit keine Rolle, weil man sie schlicht und ergreifend ohne Ende hat. Man zählt nicht wie sonst rückwärts bis zum Ende des Urlaubs und sieht diesem schon nach der Hälfte mit Schrecken entgegen. Nein, man lebt in den Tag und lässt sich nicht stressen. Die Uhrzeit ist gleich, denn man lebt mit der Sonne. Das Datum spielt keine Rolle, denn man hat außer ein paar Flügen keine Termine und der Rückflug ist weit weit weg. Der Wochentag ist nicht wichtig, da sowieso immer alles auf hat und letztlich ist es egal ob man Montag oder Freitag hat. Man lebt und genießt den Tag – viel intensiver. Und deshalb verstreicht er auch nicht so schnell wie die Tage für die Daheimgebliebenen. Relativ schnell hat man so jedes Gefühl für Zeit und Raum verloren und entspannt vollkommen. Man fühlt sich befreit, wie nie zuvor im Leben. Ich glaube das kann nur jemand verstehen, der einmal eine solche Reise gemacht hat. In abgeschwächter Form ist es auch schon nach 3-4 Wochen zu erreichen, aber intensiver wird es natürlich mit längerem Aufenthalt fernab vom durchgetakteten Deutschland.

Sofern man einmal den Wünsch verspürt eine solche Reise zu machen, so sollte man einfach auf sein Herz hören, denn man lebt nur einmal!

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